Immer noch beschäftigt mich ein kath.net-Beitrag, den @Elista hier dankenswerter Weise verlinkt hat, sonst hätte ich den wohl nicht so schnell zu Gesicht bekommen. Er ist in meinen Augen sehr bedeutend!
Wenn die Herrlichkeit auszieht
Autor des Beitrags ist Diakon Ulrich Franzke. In der 19. und 20. Woche im Jahreskreis im Lesejahr II wird aus dem Buch Ezechiel gelesen, am Mittwoch der 19. Woche im Jahreskreis war es Ez 9,1-8a;10,18-22
Mittwoch der 19. Woche im Jahreskreis
Darin hören wir von Gottes Gerichtshandeln aufgrund dessen, was er Ezechiel im vorhergehenden Kapitel 8 gezeigt hat: Dort sah er die Ältesten des Volkes Israel Götzenopfer im Tempel Gottes darbringen.
Diakon Ulrich Franzke beschreibt das folgendermaßen:
Ezechiel berichtet eine Vision. In Kapitel 8 wird er in dieser Vision nach Jerusalem geführt. Er sieht den Tempel. Den Ort, an dem Gott inmitten seines Volkes wohnen will. Und ausgerechnet dort sieht er die Gräuel: Götzendienst, fremde Kulte, Menschen, die im Heiligtum stehen und ihrem Gott den Rücken zukehren. Das neunte Kapitel ist die Antwort darauf. Das Gericht beginnt. Nicht draußen. Nicht bei den Feinden Israels. Nicht in Babylon. Sondern mitten in seinem Heiligtum, in seinem Tempel.
Und dann folgt Kapitel 10: Die Herrlichkeit des Herrn verlässt den Tempel.
Vielleicht ist das das eigentlich Erschreckende dieser ganzen Vision. Der Tempel steht noch. Seine Mauern stehen. Seine Priester sind nicht verschwunden. Die religiöse Ordnung existiert. Man könnte vermutlich weiterhin organisieren, verwalten, beraten und Gottesdienst feiern. Aber die Herrlichkeit Gottes zieht aus. Ein Heiligtum kann also äußerlich noch vorhanden sein, während etwas Entscheidendes bereits verloren gegangen ist. Dieser Gedanke, so schreibt Franzke, ließ mich nicht mehr los.
Und mich auch nicht. Wir alle hier kennen die Prophezeiungen von La Salette, Fatima, Amsterdam, Akita und bei ausbleibender Umkehr die darin ausgesprochenen Gerichtsandrohungen... düster, sehr düster, ja eigentlich so düster, dass Viele das gar nicht glauben und annehmen konnten.
Ganz ähnlich scheint es damals gewesen zu sein. Diakon Franzke kommt dabei Amos in den Sinn. Amos hatte rund anderthalb Jahrhunderte vor Ezechiel im Nordreich Israel gelebt. Es war eine Zeit politischen Erfolges und wirtschaftlichen Wohlstands. Amos blickt sehr kritisch auf diese Gesellschaft. Aber nicht der Wohlstand ist das Problem, das Problem ist die Sattheit. Eine Sattheit, die blind macht. Man fühlt sich sicher. Das Leben funktioniert. Die religiösen Feste finden statt. Opfer werden gebracht. Lieder werden gesungen. Die Institutionen stehen. Und Gott? Gott lässt durch Amos sagen, dass ihm dieser Kult zuwider ist. Wenige Jahrzehnte später fällt Samaria, das Nordreich. Wenige Jahre nach Ezechiel wird der Tempel in Jerusalem zerstört.
Zurück zu Ezechiel und dem schon genannten Taw. Entscheidender ist: Wer trägt dieses Taw? Das Taw wird denen auf die Stirn geschrieben, die über die Gräuel Jerusalems seufzen und stöhnen. Es sind diejenigen, denen nicht gleichgültig geworden ist, was im Heiligtum geschieht. Sie haben sich nicht daran gewöhnt. Sie sehen, dass etwas falsch geworden ist, und es schmerzt sie.
An diesem Punkt stellt sich Franzke als Diakon die Frage: Würde der Mann im leinenen Gewand mir das Taw auf die Stirn zeichnen? Gehöre ich zu denen, die noch seufzen und stöhnen, wenn Gott aus der Mitte seines Heiligtums verdrängt wird? Erschreckt mich noch, wenn etwas dem Evangelium widerspricht? Oder habe auch ich mich längst an manches gewöhnt, worüber ich eigentlich erschrecken müsste? Und wenn ich mir diese Fragen stellen muss, dann gelten sie erst recht allen, denen in der Kirche Verantwortung für Lehre, Leitung und Verkündigung übertragen ist. "Beginnt in meinem Heiligtum" ist keine Einladung, zuerst auf die Gottlosigkeit der Welt zu zeigen. Der Blick des Propheten fällt zunächst auf diejenigen, die Gott kennen, die in seinem Namen sprechen und die in seinem Heiligtum Dienst tun. Vielleicht liegt darin die eigentliche Härte dieses Textes. Denn woran würde man heute erkennen, dass Gott aus der Mitte gerät? Sicher nicht daran, dass sein Name überhaupt nicht mehr fällt. In der Kirche lässt sich sehr viel von Gott reden. Man kann Gottesdienste feiern, Hirtenworte schreiben, Sitzungen mit einem geistlichen Impuls beginnen und jede Menge Prozesse geistlich begleiten. Die wichtigere Frage lautet: Welcher Gott kommt darin vor? Wer Gott nur als den "lieben Gott" sieht, verkürzt ihn. Natürlich ist Gott Liebe. Aber Liebe ist nicht Gleichgültigkeit. Der liebende Gott ist auch ein fordernder Gott. Die öffentliche Verkündigung Jesu beginnt bei Markus nicht mit der Versicherung, dass eigentlich alles ganz in Ordnung sei, sondern damit: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" Umkehr steht nicht irgendwo am Rand der christlichen Botschaft. Sie steht an ihrem Anfang. Wenn aber Umkehr und Buße aus der Verkündigung verschwinden, verändert sich nicht nur der kirchliche Wortschatz. Dann verändert sich zwangsläufig auch das Gottesbild. Aus dem Gott, der ruft, fordert, vergibt und verwandelt, wird leicht ein Gott, der vor allem bestätigt. Ein Gott, dessen Liebe damit verwechselt wird, dass er zu unseren Entscheidungen freundlich nickt. Ein Gott, der tröstet, aber möglichst nichts mehr verlangt. Da zeigt uns Jesus was anderes. Jesus vergibt, aber er spricht auch von Umkehr. Er heilt, aber er fordert Nachfolge. Er begegnet Menschen mit grenzenloser Liebe und stellt sie zugleich vor Entscheidungen. Er spricht vom engen Tor, vom Kreuz und davon, das eigene Leben verlieren zu können. Dieser Jesus ist tröstlich. Harmlos ist er nicht. Was bleibt von der Frohen Botschaft, wenn nichts mehr der Umkehr bedarf? Wovon erlöst Christus, wenn Sünde kaum noch vorkommt und die Möglichkeit des endgültigen Nein des Menschen praktisch nicht mehr verkündet wird? Wozu das Kreuz, wenn der Mensch eigentlich nur Bestätigung braucht? Vielleicht ist auch das eine Form von Sattheit. Amos sah Menschen, die satt waren an Wohlstand und Sicherheit. Ezechiel sah Menschen, die sich des Tempels sicher waren. Und wir? Das Neue Testament kennt für geistliche Sattheit ein ausgesprochen wenig diplomatisches Bild. Zur Gemeinde von Laodizea sagt Christus: "Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien." Laodizea ist keine heidnische Stadt, an die sich ein Prophet von außen wendet. Es ist eine christliche Gemeinde. Was geschieht mit einer Kirche, wenn sie stärker danach fragt, wie sie von der Welt wahrgenommen wird, als danach, was Gott von ihr verlangt? Was geschieht, wenn ihre Hirten sich mehr davor fürchten, Menschen zu verärgern, als ihnen jene Wahrheit vorzuenthalten, die ihnen zum Heil gegeben ist? Wer in der Kirche lehrt und leitet, trägt eine besondere Verantwortung dafür, dass Christus nicht so lange entschärft wird, bis von seiner Zumutung kaum etwas übrigbleibt. Ein Bischof ist nicht dazu geweiht, den Zeitgeist mit Weihwasser zu versehen. Ein Priester ist nicht dazu bestellt, das Evangelium so lange abzurunden, bis niemand mehr an seinen Kanten Anstoß nimmt. Und ein Diakon darf nicht schweigen, nur weil Schweigen gelegentlich bequemer wäre. Die Kirche schuldet der Welt nicht die Versicherung, dass sie Gott eigentlich nicht braucht. Sie schuldet ihr Christus.
Soweit Diakon Franzke. Ein sehr empfehlenswerter Text!
Mir geht's dabei vor allem um dies hier: Die Herrlichkeit des Herrn verlässt den Tempel aufgrund des Gräuels an heiliger Stätte: Götzendienst, fremde Kulte, Menschen, die im Heiligtum stehen und ihrem Gott den Rücken zukehren. Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich diesen Sachverhalt bezogen aufs Heute viel genauer und ausführlicher unter die Lupe nehmen müsste, wollte aber jetzt auf die Schnelle eben dies hier schreiben, damit möglichst Vielen diese wunderbaren Überlegungen von Diakon Franzke zur Kenntnis gebracht werden. Wir haben La Salette, Fatima, Amsterdam, Akita mit darin vorkommenden Aussagen wie "Rom wird den Glauben verlieren und der Sitz des Antichristen werden", "Die Führer des Gottesvolkes haben das Gebet und die Buße vernachlässigt, sie sind irrende Sterne geworden" usw. Besonders dramatisch ist die zentrale Vision aus dem dritten Geheimnis von Fátima: Der Engel mit dem Flammenschwert ... eine klare Gerichtsandrohung! Aber fürs Erste möchte ich nur Folgendes anmerken: Ez 10 gehört zu den theologisch tiefgründigsten Abschnitten der prophetischen Literatur. Es schildert in einer gewaltigen Vision den Auszug der Herrlichkeit Gottes aus dem Tempel in Jerusalem sowie das bevorstehende Gericht über die Stadt. Für die Israeliten war der Tempel der Garant für Gottes Schutz. Dass Gott Seinen eigenen Wohnort verlässt, bricht mit dem damaligen Glauben an die Unangreifbarkeit Jerusalems. Gott lässt sich nicht an ein Gebäude binden, wenn das Volk im Herzen von Ihm abgefallen ist. Und heute?
Die Auslegung von Ez 10 zeigt den schmerzhaften, aber notwendigen Schritt Gottes, Sein von Sünde beflecktes Heiligtum aufzugeben, um das Gericht zu vollziehen.